Sonneberg, St. Stefan (Formklang)

Eine Runde Sache

01.01.2012

II / 17

Die wechselvolle Geschichte der südthüringischen Stadt Sonneberg mit ihren rund 23000 Einwohnern zeigt sich bis heute an ihrer vielfältigen Bausubstanz. Immer wieder gelangte der Ort jedoch ins Abseits, so 1961 – 72 als grenznahes Sperrgebiet der DDR. Die traditionelle Spielwarenindustrie musste im Krieg Rüstungsgüter herstellen.

Frühestes Zeugnis christlicher Tradition in Sonneberg ist die cella antiqua als mittelalterliche Einsiedelei. 1887 wurde nach über 350 Jahren erstmals wieder katholischer Gottesdienst gefeiert. Die Kirche St. Stefan im schmucken Gründerzeit-Viertel nördlich des Stadtkerns wurde 1902/03 nach Plänen der Berliner Regierungsbaumeister Reimarus & Hetzel errichtet. Von der ursprünglichen Ausstattung blieben einige Figuren und die westliche Rosette erhalten. Purifizierende Restaurierungen schufen einen schlichten, intimen Kirchenraum, in dem die Architekturglieder klar erkennbar sind: Der Apsis mit 3/8-Schluss folgen ein Chorjoch, westlich davon das Querhaus sowie zwei Langhausjoche. Die Seitenschiffe münden in die Turmuntergeschosse; über dem südlichen erhebt sich der Hauptturm. So wirkt das Langhaus zwar gestaucht, und die kleine Empore überspannt lediglich das Mittelschiff. Das Gesamtbild ist jedoch stimmig.

„Sind die schönsten Formen aus dem Teig ausgestochen, bleiben nur Restflächen. Solche werden oft den Orgelbauern zugewiesen, wenn die Architektur und die übrige Einrichtung festgelegt sind.“ So formulierte es einmal treffend der bekannte Orgelplaner Friedrich Jakob aus Zürich. Diese Assoziation stellt sich ein, blickt man zur Westfassade der Sonneberger Kirche mit der gegliederten Rosette und der Darstellung des Heiligen Geistes im Zentrum. So galt es, für die neue Orgel die „Restflächen“ auf der Empore und vor der Kirchenrückwand optimal zu nutzen. Selbstverständlich sollte die Fensterrosette zumindest teilweise sichtbar bleiben ohne das Orgelwerk in Funktion und Gestaltung einzuschränken. Die Lösung fand der FORMKLANG–Gestalter Claudius Winterhalter in einer freistehenden Plastik mit Sichtachse zum Westfenster. Mit diesem genialen Trick erreichte er zwei weitere Effekte: Es entsteht eine Tiefenwirkung, die den kurzen Kirchenraum beachtlich zu verlängern scheint und die offene Formensprache schafft Spannung ohne Widerspruch. Winterhalter: “Schwierige Rahmenbedingungen spornen zu besonderen Leistungen an. Hier musste das Rosettenfenster einbezogen werden. Es ist recht groß und beginnt schon in einer Höhe von etwa zwei Metern. Dadurch gerät es mit dem Instrument in Konflikt. Die Lösung war, die Orgel an der Rückseite offen zu lassen, mit Durchblick, sodass jeder erkennen kann, dass dort ein Fenster ist. Es wird zu einem Teil der Orgelgestaltung und behält außerdem die wichtige Funktion einer Lichtquelle. Hätte man es zugebaut, wäre ein toter Raum entstanden.“

Wer nach allen Seiten offen ist, kann nicht ganz dicht sein“, so ein beliebtes Bonmot. „Freie“ oder „offene“ Prospekte waren ein weit verbreitetes Gestaltungsmittel des Orgelbaus in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Nicht wenige dieser Entwürfe wurden als willkürliche Ansammlung von Pfeifenreihen mit „Leichtbau-Fassade“ wahr genommen. Allzu geschlossene Gehäuse wiederum hemmen den Klangaustritt; ihre eckigen Formen wirken besonders in kleinen Räumen sehr schnell sperrig. Interessante Ansätze für tiefengestaffelte Freipfeifenprospekte zeigen Entwürfe ab den 1920er-Jahren (etwa aus dem Hause Klais), wenngleich deren Anordnungen linear bleiben. – Die neue Sonneberger Orgel sollte dagegen in jeder Hinsicht eine runde Sache werden und sich in die neuromanische Architektur einschmiegen. Deshalb wurden die Windladen so konstruiert, dass eine längs und quer gestaffelte Pfeifenordnung in mehreren Segmenten entstand. Ergänzend dazu gibt es „im Prospekt“ zwei optische Elemente aus bewusst nicht klingenden Pfeifen. Sie vollenden zu beiden Seiten der Spieltafel die äußere Form des runden Gehäuses und geben der Orgel das Gesicht.

Doch Form kann durch Farbe perfektioniert werden. Der Schwarzwälder Künstler Frieder Haser ist Spezialist für effektvolle Farbschichtungen, was er zusammen mit Claudius Winterhalter schon mehrfach bei Orgelfassungen unter Beweis stellte. Hier hat er nach mehrfachem Dispersions-Farbauftrag mit anschließender Spachtelung eine expressive Modernität geschaffen, die sich trotz ihrer kraftvollen Strukturen in Weiß-Beige-Grau-Tönen nahtlos in die farbverwandte Raumschale einfügt und gleichzeitig die bauliche Masse mildert. Winterhalter: „Die verwendeten Farbtöne entnahmen wir dem Raum. Das ist immer eine sichere Wahl, und gerade in Sonneberg wird dadurch eine besondere Harmonie von Raum und Instrument erzeugt. Die Orgel wirkt, als hätte sie schon immer da oben gestanden. Die überragende Technik der Farbgestaltung von Frieder Haser verleiht dem Instrument eine Leichtigkeit und Lebendigkeit, die sehr attraktiv wirkt.“
Als weiterer Farbakzent wurde das sichtbare Innengehäuse mit einem leuchtenden Blau ausgemalt. LED-Lichtquellen im Orgelinnern sorgen für eine feine Steigerung der Plastizität von Wandung und Pfeifenwerk. So entsteht ein gewollter Kontrapunkt zu den blauen Chorarkaden, in denen drei markante Holzskulpturen des norddeutschen Künstlers Walter Green von 2007 stehen. Sie sind von Kirchenliedtexten inspiriert, sodass die Stefanskirche nun zwei korrespondierende
„klingende Pole“ hat.

Weniger Pfeifen – mehr Musik
Nicht nur aus Platzgründen war bei der Disposition Zurückhaltung angesagt. Doch was man sich leisten konnte, wurde überzeugend umgesetzt.
Die Akustik der Sonneberger Kirche ist ergiebig und gnadenlos zugleich: Ergiebig, weil die Kirche trotz ihrer geringen Ausmaße den Sound einer Kathedrale im Taschenformat bietet. Das ändert sich jedoch sobald die Besucherzahl erheblich steigt. Dann nimmt die Nachhallzeit rapide ab. Andererseits reflektiert das glatt verputzte Gewölbe jede Klangnuance so exakt, dass sich der Intonateur keine noch so kleine Unsauberkeit erlauben darf. Natürliches Gehäuse, Verstärker und „Mischpult“ ist das Westjoch über der Orgel.
Bereits das aus Principal, Oktave und Mixtur gebildete komplette Plenum im Hauptwerk klingt satt und großrahmig. Mit Quinte und Terz (aus Sesquialter) sowie der Subkoppel
II-I kann es stufenweise zu opulenter Gravität mitteldeutscher Prägung gesteigert werden. Festlichen Glanz steuert die Trompete bei, die solistisch täuschend echt das reale Instrument imitiert. Neben Gedeckt steht als wahrer Luxus im Hauptwerk eine Holzflöte 8’. Man kann sich leicht ausmalen, wie viele dynamische und farbliche Abstufungen dadurch möglich werden.
Das gilt besonders im Verbund mit dem Nebenwerk, das zwar nur vier, dafür aber umso (ge)wichtigere Stimmen enthält: Neben dem Metallgedeckt sind dies ein Streicherregister zu 4’, ein flötiger 2’ und die Oboe als weitere Zungenstimme. Damit wird auch das Nebenwerk klanglich autark.
Als „Trümpfe“ kommen drei weitere Register hinzu, die mittels Wechselschleifen beiden Manualwerken zugeordnet werden können: Ein wirkungsvolles Salicional, eine besonders eloquente 4’-Flöte (gerade bei dieser Orgelgröße besonders wichtig) sowie ein Oktave 2’ (um etwa das erstellbare Cornet prinzipalisch zu färben). Wechselweise einsetzbar ist auch Sesquialter 2f., wobei im Hauptwerk der 2 2/3’-Chor zusätzlich separat verwendbar ist. Das ergibt allerhand solistische Optionen und weitere Varianten für diverse Vorplena. Gleiches gilt für den 1 1/3’-Vorabzug aus der Mixtur. Interessante Mischungen erlaubt auch die Subkoppel, um etwa Fugara 4’ als milde 8‘-Gambe im Hauptwerk zu nutzen.
Um all dies technisch zu ermöglichen, wurden die beiden Manualwerke auf eine durchschobene Windlade gestellt, hinter der sich ein Stimmgang befindet. Zur Kirchenrückwand hin steht das „nur“ dreiregistrige Pedalwerk. Fagott 16’ kann dabei dank voller Becherlänge bereits ab B mit elegantem Intonationsübergang als Begleitregister im Bass und als Solist im Diskant eingesetzt werden.

Sonneberg liegt kulturgeschichtlich am Schnittpunkt zwischen Franken und Thüringen. Beide Orgellandschaften zeichnen eine enorme Vielfalt in der 8’- und 4’-Lage sowie große Plena aus. Kaum zu glauben: Mit ihren gerade einmal 17 Registern steht die neue Formklang-Orgel fest und überzeugend in dieser reichen Orgelbautradition! Die breit ausgebaute Grundtonpalette ist zudem wichtig für die Gestaltung der (katholischen) Liturgie sowie die Begleitung kleinerer Gemeinden und Ensembles.

Gleich einem geöffneten Etui geben die beiden Außengewände der Orgelfront den Blick frei auf eine einladend und übersichtlich gestaltete Spielanlage. Von der schlicht in hellem grau lackierten Spieltafel wird der Blick auf das Wesentliche gelenkt: Spiegelnd schwarzer Klavierlack für die Umrandung der Manuale und handschmeichelnde Ebenholz-Manubrien für die Register. Letztere sind so angeordnet, dass sich ihre Aufteilung sofort erschließt:
außen Pedal, Mittelreihe links Hauptwerk, rechts Nebenwerk, Innenreihe die wechsel-baren Register mit roter Zierumrandung auf den Manubrien. Zusammen mit der fein, jedoch griffig regulierten Mechanik laden diese haptisch wie optisch bestens durchgestalteten Komponenten dazu ein, sich ganz auf die künstlerischen und klanglichen Schönheiten von Raum und Instrument zu konzentrieren.

Wie die gesamte Stadtbevölkerung, schrumpft auch die katholische Diaspora-Gemeinde in Sonneberg zahlenmäßig seit Jahrzehnten; die allmähliche Überalterung der Gemeinde bereitet weitere Sorgen. Umso erstaunlicher und erfreulicher ist, was die Stefansgemeinde in den letzten beiden Jahrzenten alles erreicht hat: Kirchensanierung, neues Pfarrzentrum, neues Geläute – bis hin zur neuen FORMKLANG-Orgel, deren Schöpfer die Besonderheiten dieses Instruments programmatisch im Namen führen: edle Form und edler Klang. Möge beides die Sonneberger lange erfreuen – in ihrer nun vollständig erneuerten Kirche, der cella Nova!

Markus Zimmermann

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